Museum Kurhaus / Kleve

Ewald Mataré Sammlung


Trauer um Lothar Baumgarten (1944-2018)

Das Museum Kurhaus Kleve trauert um den Künstler Lothar Baumgarten (1944-2018), der der Stadt Kleve und dem Museum Kurhaus Kleve auf vielfache Weise verbunden war. Als Bewunderer des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679) besuchte Lothar Baumgarten Kleve erstmals im Jahr 1979, anlässlich der Ausstellung „Soweit der Erdkreis reicht“. Seitdem begleitete er die Entwicklung des städtischen Museums, das 1997 vom Haus Koekkoek ins Museum Kurhaus Kleve überging, stets kritisch und freundschaftlich.

Lothar Baumgarten galt als Pionier dafür, die Anthropologie in die Kunst eingeführt zu haben. Damit war er in seiner Kunst seiner Zeit auf bemerkenswerte Weise voraus: „Vor genau fünfzig Jahren, 1968, schuf Lothar Baumgarten ein Referenzwerk für die gegenwärtige Debatte um die mögliche Rückwanderung kolonialer Raubkunst: Für die Dia-Installation 'Unsettled Objects', die sich – wie viele Werke Baumgartens – in der Sammlung des Frankfurter MMK befindet, montierte er achtzig Fotos aus dem anthropologischen Sammlung des Pitt Rivers Museums an der Universität Oxford mit Begriffspaaren wie 'wertgeschätzt / typisiert' oder 'gesammelt / vergessen'. Damit ging der 1944 in Rheinsberg geborene Baumgarten, damals noch Student unter anderem von Joseph Beuys in Düsseldorf, genau an die Nahtstellen der Bilder vom Eigenen und vom Fremden, für deren Festigung Objekte aus fremden Kulturen seit den Welt- und Kolonialausstellungen des neunzehnten Jahrhunderts eine entscheidende Rolle spielten ...“ (Kolja Reichert in der FAZ vom 6. Dezember 2018)

Eine dieses Prinzip besonders reflektierende Ausstellung war „Imago Mundi“ von Lothar Baumgarten im Frühjahr 2006 im Museum Kurhaus Kleve, die er damals im Dialog mit der von Walter Nikkels entworfenen Museumsarchitektur entwickelte und die sich der Geschichte der europäischen Kolonialmächte widmete. Der Spiegel bezeichnete die Schau damals als die „umfassendste Ausstellung in Deutschland“. 

Baumgarten ist Kleve eng verbunden: aufgrund seiner Faszination und Verehrung für die Lebensleistung des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen. Eine wichtige Rolle spielt dabei dessen Expedition nach Brasilien, die unter seiner Verantwortung stattfindende erstmalige Erforschung des südamerikanischen Kontinents, deren spätere Aufarbeitung durch Gelehrte sowie schließlich die aus ihr folgende Assimilation brasilianischer Elemente in der europäischen Kultur seit dem 17. Jahrhundert. [...] Hinzu kommt, dass Baumgarten seit 1988, als Walter Nikkels den Planungsauftrag erhielt, in das Projekt Museum Kurhaus Kleve involviert ist. Baumgarten kooperiert seit den 1970er Jahren bei der Typographie seiner Bücher und Kataloge eng mit Walter Nikkels. Da beide auch in ständigem Diskurs über den Sinn und Charakter von Museumsarchitektur stehen, fungierte Lothar Baumgarten in beiden Phasen des Umbaus des alten Kurhauses, 1989-1997 und 2007-2012, als intellektueller Sparringpartner bei bestimmten architektonischen Entscheidungen. Für die Publikation 'Anblick / Ausblick', die 1997 zur Eröffnung des Museum Kurhaus Kleve entstand, schuf er in Form eines künstlerischen Inserts die Bildstrecke über die Museumsarchitektur. Der Titel der monumentalen Wandzeichnung 'Fiederzwenke' (1996-1997) im Innenhof des Museums ist abgeleitet vom Namen eines häufig an Hängen anzutreffenden Grases, dessen Wurzeln verfestigend wirken. Bei der Arbeit handelt es sich um eine aus 40 Wortpaaren im ständigen Farbwechsel von Indigo und Schweinfürtergrün konfigurierte Zeichnung, die formal auf die dichte Vegetation auf dem Hang hinter dem Museum Bezug nimmt. Inhaltlich verweist sie auf die teilweise kurzlebigen Neologismen der deutschen Umgangs-, Behörden- und Journalistensprache, aber auch auf den Reichtum an Begriffen der sich ständig erneuernden Wissenschaften, wie Verhaltensforschung und Biologie, sowie auf Landschafts- und Städteplanung. Zur Eröffnung des Museums 1997 schuf Baumgarten aus einer Auswahl seiner 1978-1980 entstandenen 'Yanomami'-Photographien (Gelatin Silver Prints) sowie zwei seiner frühen Farbphotographien 'Tetrahedron Pyramid' (1968/1969) und 'Pupille' (1968/1969) eine Rauminstallation, die uns seine ständige Auseinandersetzung mit dem Authentischen und dem Verhältnis von Natur und Kultur vor Augen führt. In der Arbeit 'Lebensbaum' (1996-1997) spiegeln sich in der unregelmäßigen hochformatigen Form die Schübe des Wachstums und werden Licht und Leben reflektiert. Der von Baumgarten gewählte Ort auf der Wand gegenüber der schmalen, von Naturstein eingefassten Treppe unterstreicht die Bedeutung des Titels. Das 'Epitaph für Georg Forster' entstand anlässlich der documenta 7 (1982) und war gedacht als Anregung, die Kasseler Hochschule nach diesem bedeutenden Forscher und Reisenden (Danzig 1754-1794 Paris) zu benennen – schließlich hatte der Forscher fünf Jahre in Kassel gewirkt. Auf diese Weise sollte Georg Forsters wissenschaftliches Werk, das wegen seiner jakobinischen Auffassungen lange tabuisiert worden war, neu gewürdigt werden. Sieben Jahre später, 1989, wurde in Kassel die Georg-Forster-Gesellschaft gegründet. Aus Anlass der Eröffnung hat er für das Kurhaus die wandfüllende Aussenarbeit 'Fieder-Zwenke' (1997) entworfen, die im Innenhof des Museums auch heute noch unverändert zu sehen ist.“ (Gründungsdirektor Guido de Werd im Sammlungskatalog „Mein Rasierspiegel - Von Holthuys bis Beuys“, 2012, S. 39f.)

Das Museum Kurhaus Kleve ist Lothar Baumgarten zu großem Dank verpflichtet.

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Lothar Baumgarten 2006 im Museum Kurhaus Kleve, neben dem „Epitaph für Georg Forster“ (1982) © VG Bild-Kunst, Bonn 2019